Numismatisches Manuskript von Ulrich Horn

Aufsatz “Das numismatische Manuskript aus dem Nachlass von Ulrich Horn (1866-1912) – Bilanz und Ausblick” von Henning Ihlenfeldt & Dr. Peter Worseck aus dem Jahr 2020.

Bei der Suche nach weiteren Informationen zur Mecklenburg-Strelitzer Münzgeschichte wurden wir 1982 in der Mecklenburg-Abteilung der Bezirksbibliothek in Neubrandenburg fündig, in einem Bestand, der aus der ehemaligen Mecklenburg-Strelitzer Landesbibliothek stammte und dort seit vielen Jahren lagerte. In den 1950-er Jahren wurde die Landesbibliothek in Neustrelitz aufgelöst und der Restbestand, soweit er 1945 nicht vernichtet wurde, auf größere Bibliotheken anderer Städte aufgeteilt. So sind diese Unterlagen nach Neubrandenburg gekommen. Es handelt sich um über 1000 Seiten handschriftlicher Aufzeichnungen über die Geschichte Mecklenburg-Strelitzer Münz- und Medaillenprägungen, Orden, Geldscheine und Notgeldausgaben von 1701 bis 1912. Aus beiliegenden Briefen geht hervor, dass die gesamten Informationen von Ulrich Horn1.), Amtsrichter, zuletzt wohnhaft in Neustrelitz, Elisabethstr. 32, zusammengetragen worden sind.

Amtsrichter Ulrich Horn und Weinstubenbesitzer Emil Raban 1910
Bildquelle: Mit freundlicher Unterstützung: Karbe-Wagner-Archiv, Neustrelitz, Reg.Nr. PAB 126

Amtsrichter Ulrich Horn und Weinstubenbesitzer Emil Raban 1910

Wir konnten folgendes über ihn in Erfahrung bringen: Ulrich Horn, geboren am 23.06.1866 in Woldegk, wuchs in einer angesehenen mecklenburgischen Familie auf2.). Nach frühem Privatunterricht bis 1875 in seiner Heimatstadt erfolgte der Schulbesuch in Schönberg und Neustrelitz bis 1887. Das Studium der Rechtswissenschaften in Berlin, Leipzig und Rostock schloss sich an. Erste juristische Prüfung am 14.10.1893; danach Referendariat in Neustrelitz und Rostock, zweite juristische Prüfung in Rostock am 12.06.1897. Danach war er Gerichtsassessor und Hilfsrichter, ab 01.07.1898 Amtsrichter am Amtsgericht Neustrelitz, ab 22.07.1909 im Range eines Amtsgerichtsrates. Schon früh legte er einen großen Sammeleifer an den Tag, wandte sich besonders der Münz- und Wappenkunde zu und trug auf diesem Gebiet eine umfangreiche Sammlung zusammen. Leider ist U. Horn am 14.03.1912 mit nur 45 Jahren während eines Kuraufenthaltes in Braunlage – im Grunde genommen als junger Mann – viel zu früh verstorben.

Über den mit ihm befreundeten Gustav von Buchwald (1850-1920), der von 1893 bis 1913 als Großherzoglicher Archivar, Bibliothekar und Vorsteher der Großherzoglichen Sammlung am Hof von Mecklenburg-Strelitz wirkte, fand Horn Zugang zur dortigen Münzsammlung. Darüber berichtet uns der bekannte Heimatforscher Walter Karbe (1877-1956), in dessen Anfangszeit als unbezahlter Volontär in der Großherzoglichen Bibliothek Mecklenburg-Strelitz 1908 bis 1910 auch das späte Wirken von Horn fiel3.). Horn war als Beamter bereits gut versorgt, alleinstehend, ohne Verpflichtungen und suchte förmlich nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung, die sich mit seinen numismatischen Interessen deckte. Er nahm also fast täglich in seiner Freizeit den vollständigen Bestand an Mecklenburg-Strelitzer Münzen auf, maß, wog, studierte Quellen, beschrieb jede Münze minutiös in allen Details und versah den Text liebevoll mit Zeichnungen.

Obwohl unter von Buchwald die Münzsammlung anfangs eher vernachlässigt wurde, fand Ulrich Horn gute Bedingungen vor. Dies um so mehr als jener beim Großherzog Adolf Friedrich V. ein numismatisches Interesse in Erfahrung brachte bzw. vermutete. Von Buchwald fing an, Pläne für eine öffentliche Präsentation der Sammlung zu schmieden, konnte Geld von der Regierung „locker“ machen und organisierte schließlich mit mehr oder weniger Geschick eine öffentliche Dauerausstellung, die der Großherzog dann persönlich eröffnete und die sich auch nach dem Ende der Monarchie bis 1945 als echter Besuchermagnet erwies.

Durch den ungehinderten Zugang zur kompletten Großherzoglichen Sammlung gelang Horn eine entscheidende Weiterentwicklung der katalogmäßigen Darstellung des Bestandes der Münzen und Medaillen von Mecklenburg-Strelitz. Der verdienstvolle Archivar und  Numismatiker Karl Friedrich Evers hatte zwar in seiner Mecklenburgischen Münzverfassung4.) Ende des 18. Jahrhunderts ein umfassendes Standardwerk geschaffen, nach dem lange Zeit die Münzen zitiert wurden, das Münzwesen von Mecklenburg-Strelitz war allerdings in seinem 2-bändigen Werk eher unterrepräsentiert. Auf gerade einmal 34 von 994 Seiten (darunter 10 Seiten zu den Medaillen) stellt der Autor die Münzen und Medaillen des kleineren Teilstaates dar. Es mag daran gelegen haben, dass er vom Schweriner Landesherr besoldet wurde und deswegen zum Strelitzer Landesteil weniger gründlich recherchierte.

In der Zeit von 1890 – 1910 wurden dann immer wieder Münzsammlungen mit einem hohen Anteil Mecklenburg-Strelitzer Münzen verkauft und versteigert, wobei es sich mehr und mehr erwies, dass die „Mecklenburgische Münzverfassung“ von Evers nicht mehr ausreichend war. Ulrich Horn knüpft trotzdem bei Evers an, nimmt aber darüber hinaus immer wieder Bezug auf die Versteigerungskataloge, insbesondere der Sammlungen Pelzer und Pogge5.) und 6.), und glich diese Quellen mit dem vorgefundenen Bestand in Neustrelitz ab. Für ihn war dies sicherlich der Ansatzpunkt, einen neuen Katalog zum Münzwesen des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz zu planen, zu dem es dann auf Grund seines frühen Todes nicht mehr gekommen ist. Später stellte sich heraus, dass wesentliche, bereits von Evers vermisste Münzakten in Schwerin
anders abgelegt wurden. Der heute führende Mecklenburg-Numismatiker Michael Kunzel bezeichnete es als Glücksfall, dass sich die Aktenbündel zur Mecklenburg-Strelitzer Münzgeschichte seltsamerweise im Mecklenburgischen Landeshauptarchiv unter der Rubrik „Kammer- und Forstkollegium“ anfanden. So blieb es ihm vorbehalten, 200 Jahre nach Evers eine geschlossene Darstellung der Mecklenburg-Strelitzer Numismatik zu präsentieren.

Michael Kunzel, dem wir die Aufzeichnungen von Ulrich Horn zur Kenntnis gaben, hat zwar alle Münz- und Medaillentypen beschrieben, ist aber auf die von Horn beschriebene Variantenvielfalt nicht im Detail eingegangen. So sind z.B. von den 1/48 Talern Adolf Friedrich II. in Mirow (Kunzel 549) 10 Stempelvarianten durch Horn überliefert worden. Sein Sohn Adolf Friedrich III. brachte es in der Prägestätte Stargard bei diesem Nominal allein für den Jahrgang 1747 (Kunzel 568) auf 14 Varianten.

Vor 2 Jahren wurde bei Künker dieses schöne und sehr seltene Stück versteigert
Bild/Quelle: Mecklenburg-Strelitz: XVI Gute Groschen 1747
Schätzpreis: 3.000,00 EUR, Zuschlag: 10.000,00 EUR
Herbstauktion 2018 der Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG, Osnabrück, https://www.kuenker.de/de
Eigentümer des Bildes: Lübke & Wiedemann KG, Leonberg

Münze XVI Gute Groschen von 1747

Nachdem nun das Manuskript 1982 mit 66 Heften in einem größeren Karton im Bestand der Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg aufgefunden wurde, gingen die Mitglieder der Fachgruppe Numismatik Neubrandenburg (heute Neubrandenburger Münzverein e.V.) als erstes daran, mit Unterstützung der Bibliotheksmitarbeiter und des Kulturbundes Kopien anzufertigen. Ein schwieriges Unterfangen in der DDR, da die materiell-technischen Ressourcen bekanntermaßen knapp waren. Über Kontakte innerhalb des Kulturbundes in  Neubrandenburg gelang es uns, an einen modernen Kopierer des VEB Nagema zu gelangen, der auf Grund der Exporte dieser Firma im Ausland beschafft werden konnte.

Die Handschriften wurden also – allen Widernissen trotzend – in einfacher Ausfertigung komplett kopiert und konnten so ausgewertet werden. Die älteren Mitglieder, die noch die Sütterlin-Schreibschrift beherrschten, gingen daran, die Hornschen Texte zu „übersetzen“. Eine Arbeitsgruppe wertete das Material aus und erstellte anhand eines 17-Punkte-Grundgerüstes für jede Münze einen 1– bis 2-seitigen Münzpass in Schreibmaschinenschrift mit Fotos der Vorder- und Rückseite der jeweiligen Münze. Bis 1989 gelang dies für ca. 90 % der Münzen. Zu den Ergebnissen dieser Arbeit konnten Beiträge in 2 Publikationen veröffentlicht werden7.) und 8.). Für die restlichen 10% der Münzen (19. Jahrhundert) sowie die dargestellten Medaillen der Herzogsfamilie und die zusammenhängenden münzgeschichtlichen Texte steht die Übertragung in eine zeitgemäße Fassung noch aus.

Untenstehende Abbildungen sollen als Beispiel dafür dienen, wie wir das Manuskript bearbeitet haben.

Manuskriptseite von Ulrich Horn zur XVI-Gute-Groschen-Münze von 1747

Manuskriptseite 79
Quelle: Horn, Ulrich: Die Münzen und Medaillen der Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz 1701-1911,
Regionalbibliothek Neubrandenburg;
numismatisches Manuskript 1911, bearbeitet und verwaltet durch den Neubrandenburger Münzverein

Münzpass vom Münzverein nach dem Manuskript von Ulrich zur Münze XVI Gute Groschen - Seite 1

Münzpass 70 – Seite 1
Quelle: nachträgliche Erstellung durch den Neubrandenburger Münzverein auf der Vorlage des Manuskripts von Ulrich Horn

Nebenstehende Abbildungen sollen als Beispiel dafür dienen, wie wir das Manuskript bearbeitet haben.

links: Manuskriptseite 79
Quelle: Horn, Ulrich: Die Münzen und Medaillen der Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz 1701-1911,
Regionalbibliothek Neubrandenburg;
numismatisches Manuskript 1911, bearbeitet und verwaltet durch den Neubrandenburger Münzverein

rechts: Münzpass 70 – Seite 1
Quelle: nachträgliche Erstellung durch den Neubrandenburger Münzverein auf der Vorlage des Manuskripts von Ulrich Horn

Münzpass vom Münzverein nach dem Manuskript von Ulrich zur Münze XVI Gute Groschen - Seite 1

Nach 1990 ruhte die Arbeit weitestgehend, was sicherlich damit zusammenhing, dass sich viele Mitglieder beruflich neu orientieren mussten und dass wir ohnehin plötzlich 2/3 weniger Mitglieder hatten. Dazu kam die bahnbrechende Publikation von Michael Kunzel im Jahre 19949.), die unsere Auswertung zumindest zeitweise in den Hintergrund treten ließ. Im Jahre 2011, anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Hochzeit der Prinzessin Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz mit Georg III. und anschließender Krönung zur Königin von Großbritannien, erschien ein Zeitungsartikel, der auf das Hornsche Manuskript Bezug nahm. Im 1. Halbjahr 2019 sind wir schließlich daran gegangen, das gesamte Manuskript zu digitalisieren und den vorhandenen Münzpässen zuzuordnen. Darüber hinaus wurden ein Inhaltsverzeichnis des Manuskripts und eine Konkordanzliste zum aktuellen Zitierwerk von Michael Kunzel erarbeitet, so dass wir nun in der Lage sind, das Material einem breiteren Interessentenkreis zugänglich zu machen. Anfänge dazu wurden bereits gemacht. Vor allem haben wir ein Interesse an den Stempelvarianten, Proben und Abschlägen regulärer Stempel aus anderen Metallen feststellen können. Letztendlich wollen wir auch die restlichen Teile systematisch erschließen.

Henning Ihlenfeldt & Dr. Peter Worseck Neubrandenburg, April 2020

Literatur:

  1. Horn, Ulrich: Die Münzen und Medaillen der Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz 1701-1911, numismatisches Manuskript 1911, Regionalbibliothek Neubrandenburg (bearbeitet und verwaltet durch den Neubrandenburger Münzverein e.V.)
  2. Horn, Karl (Carl Egon): Beiträge zur Geschichte der Strelitzer Familie Horn, Waisenhaus-Buchdruckerei, Braunschweig 1919
  3. Tschepego, Gundula; Schüßler Peter: Walter Karbes Kulturgeschichte des Landes Stargard von der Eiszeit bis zur Gegenwart, Thomas Helms Verlag, Schwerin 2008
  4. Karl Friedrich Evers: Mecklenburgische Münzverfassung – besonders die Geschichte derselben. 2 Teile, Schwerin 1798/99
    [Nachdr.: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig 1983]
  5. Kube, Rudolf (Herausgeber): Versteigerungskatalog der Münzen- und Medaillensammlung des Herrn Geheimen Kommerzienrates August Pelzer zu Grevesmühlen am 21. April 1908, bearbeitet von Eduard Grimm (Dargun), Berlin 1908
  6. Hamburger, L. & L. [Hrsg.]: Catalog Sammlung des Herrn Commerzienrath C. F. Pogge in Greifswald † 1840: Auction … (1): Münzen und Medaillen von Pommern, Russland, Polen, Dänemark, Schweden und Mecklenburg: Auction am Montag, 23. November 1903 und folgende Tage — Frankfurt am Main, 1903
  7. Ihlenfeldt, Henning: Neue Informationen zur Mecklenburg-Strelitzer Münzgeschichte,
    in: Numismatische Hefte Nr. 23, 1985, herausgegeben durch den BFA Numismatik Neubrandenburg im Kulturbund der DDR, S. 30 – 41
  8. Flemming, Hermann / Ihlenfeldt, Henning: Informationen zur Mecklenburg-Strelitzer Münzgeschichte (2. Teil),
    in: Numismatische Hefte Nr. 34, 1987, herausgegeben durch den BFA Numismatik Neubrandenburg im Kulturbund der DDR, S. 45 – 61
  9. Kunzel, Michael: Das Münzwesen Mecklenburgs von 1492 bis 1872, Gebr. Mann Verlag, Berlin 1994